National - postnational - transnational? Current Perspectives on Contemporary German Fiction from Southeastern Europe

Event title (long): 
Conference "National - postnational - transnational? Neuere Perspektiven auf die deutschsprachige Gegenwartsliteratur aus Mittel- und Osteuropa" (Conference language: German)
City: 
Ústí nad Labem
Country: 
Czech Republic
Organizer: 
J.E.Purkyne-Universität Ústí nad Labem, Adam Mickiewicz-Universität Poznan, Universität Wien
Event dates: 
10.05.2012 - 13.05.2012
Contact: 
Renata Cornejo, Katedra germanistiky, Filozofická fakulta UJEP, České mládeže 8, CZ-400 96 Ústí nad Labem / Slawomir Piontek, Instytut Filologii Germańskiej UAM, al. Niepodległości 4, 61-874 Poznań / Sandra Vlasta, Abteilung für Vergleichende Literaturwissenschaft, Sensengasse 3a, A-1090 Wien

Die Tendenzen und Entwicklungslinien innerhalb der Literatur eingewanderter AutorInnen können in Bezug auf unterschiedliche Koordinatensysteme beobachtet und analysiert werden. Einerseits sind sie gekoppelt an neuere Kulturkonzepte, die den veränderten politischen, sozialen, wirtschaftlichen und demographischen Bedingungen der letzten Jahrzehnte, u.a. der Durchlässigkeit der Grenzen, der Mobilität und der zunehmenden sozialen Heterogenität gerecht zu werden versuchen. Für die Vermischung von Kulturelementen und die gegenseitige Beeinflussung werden Konzepte und Theoreme von globaler ›Melange‹ (S. Rushdie), ›Kreolisierung‹ (U. Hannerz), ›kulturellem Synkretismus‹ (M. Canevacci), ›globaler Crossover-Kultur‹ (J. Nederveen Pieterse), ›Hybridität‹ (S. Hall, H. Bhabha), ›Interkulturalität‹ (A. Wierlacher, C. Chiellino),  ›Transkulturalität‹ (W. Welsch) u. a. entwickelt, die einen ›dritten Raum‹ (H. Bhabha) zwischen den bisherigen vermeintlichen ›Monokulturen‹ (C. Chiellino) zu erfassen versuchen. Auf der anderen Seite wird die Literatur von Einwanderern  als eine der  Erscheinungen gesehen, die einen Umbruch in der herkömmlichen nationalkulturellen Meistererzählung bewirken. Alternativ zur Vorstellung einer homogenen Leitkultur, die aus der ethnischen, sprachlichen und nationalen Zugehörigkeit schöpft, etabliert sich aufgrund einer Dynamisierung von Kulturträgern (Mobilität, Vernetzung, Dezentralisierung) die Perspektive der Inter- und Transkulturalität, Hybridität und Postnationalität, die eine Mehrfachcodierung ermöglicht und aus der variable und inhomogene Identitäten gespeist werden.

Zwischen diese beiden Problemstellungen ist die Perspektive der Tagung eingespannt. Der Fokus richtet sich auf AutorInnen, die aus unterschiedlichen Gründen zu verschiedenen Zeitpunkten in ihrem Leben in den deutschsprachigen Raum eingewandert sind und die Deutsch, obwohl nicht ihre Erstsprache, als ihre Literatursprache gewählt haben. Der Schwerpunkt liegt dabei auf AutorInnen aus Mittel- und Osteuropa, die zur Entwicklung der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur der letzten Jahrzehnte mit wichtigen Impulsen beigetragen haben. Die Fokussierung auf den mittel- und osteuropäischen Raum ergibt sich einerseits aus einer bereits konstatierten „Osterweiterung der deutschsprachigen Literatur“ durch eine neue europäische Generation  (BÜRGER-KOFTIS: Eine Sprache – viele Horizonte..., 2008;  vgl. dazu auch BEHRING u.a.: Grundbegriffe und Autoren ostmitteleuropäischer Exilliteraturen 1945-1989, 2004), andererseits durch den besonderen Dreieck-Standort der organisatorisch beteiligten Universitäten (Österreich, Tschechien und Polen).

Zum einen gilt die Aufmerksamkeit den theoretischen, ästhetischen und poetologischen Fragestellungen, der Sprache, dem Transfer von Kulturbildern, der Wahrnehmung der Welt, wobei der kulturelle Hintergrund der Herkunftsländer unabdingbar in den analytischen Ansatz mit einbezogen werden sollte. Zu fragen wäre aber auch, welche Implikationen das Zielland innerhalb des deutschsprachigen Raumes hat (etwa Deutschland für Zsuzsanna Gahse, György Dalos, Terézia Mora, Artur Becker, Libuše Moníková, Jan Faktor, Jiří Gruša, Maxim Biller, Tzveta Sofronieva, Saša Stanišic u. a., Österreich für Vladimir Vertlib, Radek Knapp, Dimitré Dinev, Michael Stavarič, Magdalena Sadlon; die Schweiz für Ilma Rakusa, Catalin Dorian Florescu, Aglaja Veteranyi, Irena Brežná oder Melinda Nadj Abonji), unterscheiden sich doch kulturelle und gesellschaftliche Bedingungen sowie die Arbeitsmöglichkeiten im jeweiligen Land voneinander. Zum anderen soll das im literaturwissenschaftlichen Diskurs entstehende Konzept einer postnationalen deutschsprachigen Literatur auf seine Gültigkeit und Verbindlichkeit hin im Spannungsfeld zwischen politischem Postulat, theoretischer Reflexion und gesellschaftlicher Praxis untersucht werden.

Während der Tagung sollten u.a. folgende literaturwissenschaftliche, literaturtheoretische und  literaturhistorische Fragestellungen berücksichtigt werden:

·      Welche Impulse erfährt der gegenwärtige literaturtheoretische Diskurs durch die Beschäftigung mit der deutschsprachigen Literatur von zugewanderten AutorInnen aus Mittel- und Osteuropa? Wie ist er im Spannungsfeld von postnationalen, interkulturellen und  transkulturellen Konzepten zu positionieren?

·      Inwiefern kann ein Einfluss der Schreibpraktiken zugewanderter AutorInnen (insbesondere mittel- oder osteuropäischer Herkunft) auf den Schreibstil bzw. die Poetik nicht zugewanderter AutorInnen im deutschsprachigen Raum festgestellt werden? Wird das intertextuelle Bezugsgeflecht um bisher Unbekanntes erweitert? Spielt dabei eine Rolle, dass es sich um zugewanderte AutorInnen handelt, die ihre literarischen Werke auf Deutsch schreiben?

·      Gibt es generations- oder länderspezifische Gemeinsamkeiten der deutschsprachigen Literatur von zugewanderten AutorInnen aus Mittel- und Osteuropa? Kann deren Werk bereits im Hinblick auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede monographisch analysiert werden?

·      Welche Rolle spielt die Mehrsprachigkeit bzw. Exophonie der zugewanderten AutorInnen bei der sprachlichen und formal-ästhetischen Gestaltung ihrer literarischen Werke?

·      Wie stellt sich das Verhältnis zwischen Autorenbiographie und literarischem Schaffen bei den zur Debatte stehenden Texten dar? Erscheint die Biographie der AutorInnen von besonderer Relevanz? Sind thematische Gemeinsamkeiten in Bezug auf die Vermittlung zwischen den Kulturen oder im Hinblick auf einen transkulturellen Raum festzustellen?